Der gestohlene Mohairpullover - Leseprobe
Der Mann hinter der Theke, ein älterer Herr mit grauen Haaren, der auf seine Art irgendwie attraktiv wirkt, trägt typische Bäcker-Arbeitskleidung: eine schwarz-weiß karierte Hose und ein weißes T-Shirt. Er schaut kurz auf.„Das ist für mich“, sagt er.
Sie stockt.
„Wie bitte?“
„Hab ich mir zurückgelegt. Heute gönn ich mir was.“
Pause.
Es dauert ein paar Sekunden, bis ihr Gehirn das verarbeitet hat.
Sie hat Geld. Sie will zahlen. Und er – will nicht verkaufen?
„Aber ich … Ich will es doch einfach nur kaufen“, sagt sie.
„Geht nicht. Ist schon reserviert. Für mich.“
Er lächelt.
Als hätte sie ihn um etwas Unanständiges gebeten.
Und dann wird ihr klar: Der Typ meint das wirklich ernst.
Dann explodiert etwas in ihr.
Alte Kränkung. Neue Wut. Das Gefühl, wieder am falschen Ort zu sein – zur falschen Zeit – mit dem falschen Hunger.
„Sie arbeiten hier. Sie kriegen alles. Ich stehe hier mit zehn Euro – und will EIN Croissant! Und Sie sagen einfach Nein?!“
Ihre Stimme kippt.
„Was sind Sie denn bitte für ein … ein Ego-Bäcker?!“
Eine ältere Frau dreht sich um. Ein Teenager kichert.
Sie merkt’s.
Aber sie kann nicht mehr zurück.
„Wissen Sie was?! Dann essen Sie’s doch selbst. Hoffentlich erstickt ihre Arroganz am letzten Krümel!“
Sie reißt die Tür auf.
Geht.
Zitternd.
Wütend.
Hungrig.
Und draußen, vor der Scheibe, sieht sie ihn.
Wie er das Croissant nimmt.
Und reinbeißt.
Mit Genuss.
Und dabei lächelt er sie noch an, als ob das alles nur ein Spiel wäre.
Sie kann es kaum fassen.
Jetzt, wo sie zum ersten Mal wirklich bereit war, etwas zu bezahlen –
gelingt es nicht.
